Video-Interview

Interview mit Hellmut Samonigg

Univ.-Prof. Dr. Hellmut Samonigg ist der Rektor Med Uni Graz. Er spricht aus Sicht der Universitäten (Forschung, Lehre, Klinik) aber auch als erfahrener Onkologe und Kenner der österreichischen Gesundheits- und Wissenschaftspolitik.

Das enorme und immer weiter zunehmende Wissen aus der Forschung umzusetzen und in Bezug auf konkrete Behandlung und die Diagnostik bei den Patienten anzuwenden, das ist die große Herausforderung in der Medizin.

Erstens hat sich mit der Zunahme der diagnostischen Möglichkeiten ein breites Feld an Behandlungsmöglichkeiten erschlossen. Das betrifft verschiedenste Bereiche der Chirurgie, da hier die heutigen bildgebenden Verfahren, die uns in den Körper hineinschauen lassen, ein viel zielgerichtetes und sinnvolleres Operieren ermöglichen.

Zweitens – in engem Konnex dazu – steht die Entwicklung der Anästhesie, da die modernen Anästhesie-Methoden es heute ermöglichen, den aktuellen Zustand des Patienten minutiös zu evaluieren und darauf sehr rasch reagieren zu können.

Der dritte riesige Fortschritt, den wir erst in den letzten Jahren zu verzeichnen haben, ist in der medikamentös gesteuerten Medizin. Es ist die Präzisionsmedizin und die Möglichkeit des zielgerichteten Behandelns. Vor 10-15 Jahren hatten wir noch nicht die Möglichkeit z.B. in der Onkologie mit der Chemotherapie wirklich zielgerichtet zu behandeln – z.B. mit Antikörpern können wir heute mehr und mehr zielgerichtet vorgehen.

Wir stehen heute vor der Tatsache, dass sich das Wissen in der Medizin alle 5-7 Jahre verdoppelt – das stellt eine große Herausforderung für uns dar. Dieses enorme und immer weiter zunehmende Wissen aus der Forschung umzusetzen und in Bezug auf konkrete Behandlung und die Diagnostik bei den Patienten anzuwenden, das ist meiner Meinung nach die große Herausforderung in der Medizin. Es geht darum, den extremen Fortschritt und das stetig wachsende Wissen zeitnah an den Patienten zu bringen.

Ich glaube, wenn uns das nicht gelingt – also die sozialen und individuellen Aspekte des jeweiligen Menschen mitzubedenken – dann bewegen wir uns in eine Sackgasse. Von der Personalisierten Medizin, der Präzisionsmedizin wird erwartet, dass man immer zielgerichteter und individueller die Krankheit behandeln kann. Wenn wir auf diesem Weg aber vergessen, dass wir primär den Menschen mit seiner jeweiligen Krankheit betreuen und nicht vorrangig nur die Krankheit behandeln, ist die Präzisionsmedizin eine Fehlentwicklung. Dies in der Lehre, in der Forschung und der konkreten Umsetzung nicht nur bewusst zu machen, sondern auch darauf zu reagieren und in der ganzen Konzeption, wie Medizin in der Zukunft funktionieren wird, mitzudenken, das ist die große Herausforderung.

Hier geht es ein Stück weit darum, dass dieses jeweils aktuelle enorme Wissen, das wir in Händen halten, besser vernetzt werden muss. Wir werden in der Medizin zukünftig ohne so genannte „Assist Systeme“ nicht mehr auskommen. Bei der Behandlung von zum Beispiel Diabetes gibt es den Einsatz solcher Systeme schon. Meines Wissens gibt es auch schon die Bestrebungen in der EU, dass für die Auswahl der diagnostischen Möglichkeiten in der Radiologie, zukünftig Assist Systeme verpflichtend herangezogen werden müssen. Dieses Thema wird auf uns zukommen – mit vielen Vorteilen aber auch mit extremen Risiken, etwa wenn wir uns nur mehr auf Daten von solchen Systemen verlassen und nicht mehr den Patienten mit seinen individuellen Aspekten berücksichtigen. Es wird eine zentrale Rolle des Arztes oder der Ärztin sein, hier der Übersetzer der Daten zu sein, so dass PatientInnen tatsächlich ein Stück partizipativ am Entscheidungsprozess mitwirken können.

Das Medizinstudium per se muss nicht neu erfunden werden. Es besteht vielmehr der deutliche Hinweis dahingehend, dass die Lehre, die Ausbildung für eine zukünftige Ärztin/Arzt unbedingt forschungsgeleitet sein muss. Die Ärztin/der Arzt muss in die Lage versetzt werden, dass er evidenz-basierte Daten, dahingehend bewerten kann, dass sie zum individuellen Patienten passen. Der Mensch ist kein Uhrwerk, bei dem „kranke Teile“ einfach ausgetauscht werden und dann ist er gesund, er ist vielmehr eine Person, die zwar auch die eine Krankheit hat aber unbedingt auch in seiner sozialen und individuellen, psychischen Situation entscheidend wahrgenommen werden muss.

Wir haben im klassischen Bereich der Forschung in der Medizin, durch die Entwicklung der Medical Science City Graz, bessere Möglichkeiten denn je, in der Champions League der Medizin mitzuspielen.

Bei all dem Fortschritt in der Medizin und dem ständigen Streben immer bessere diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zu erschließen müssen wir uns vor Augen halten, dass es uns dennoch nie und nimmer gelingen wird, den Tod aus unserer Existenz zu streichen und den Zustand ewigen Lebens durch medizinische Forschung zu erreichen. Auch nicht, wenn wir noch so viele Details des biologischen Systems Mensch mittels Forschung und Technik erschließen werden.

Warum mir das so wichtig ist: Wenn wir diese Awareness nicht auch im Bewusstsein unserer StudentInnen und ÄrztInnen verankern können, wird der Tod und das Nicht-Heilen-Können immer eine Niederlage darstellen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir immer wieder an Grenzen stoßen werden. Mit dem Gefühl der Niederlage können PatientInnen und deren Angehörige nicht adäquat betreut werden. Das ist eine Aufgabe, die wir auch zu vermitteln haben, nämlich dass wir mit evidenzbasierten Methoden und Erkenntnissen in dieser Phase bestmöglich helfen können, auch wenn es scheinbar eine „aussichtslose“ Situation ist.

Ohne Vernetzung geht es heute nicht. Es ist in der Leitung der Medizinischen Universität Graz sehr stark verankert, dass diejenigen, die sich vernetzen auch jeder für sich entsprechende Kompetenzen, Qualitäten und Stärken aufweisen muss – sonst bringt es keinen Mehrwert. Nur so können wir für etwaige Partner attraktiv sein. Wie bei einer Brücke: Ohne tragfähigen Brückenkopf werden sie keine gute Brücke bauen können.

Grundsätzlich ist es anzustreben, durch Partnerschaften die so konfiguriert sind, ein zusätzliches Tool zu bekommen, um hier weiter zu forschen. Ich sage aber auch unverhohlen, dass wir sehr aufpassen müssen, dass hier nicht „Rosinen Pickerei“ betrieben wird, dass also nur für den, der das Geld gibt, attraktive Bereiche beforscht werden und dass auf dem Weg wieder seltene Erkrankungen auf der Strecke bleiben. Das soll es nicht sein.

Solange uns die finanziellen Möglichkeiten dazu gegeben werden, ganz klar: Ja. Die Patienten in einem Uniklinikum haben auch den Vorteil, dass sie hier von Menschen behandelt werden, die, da sie ForscherInnen in dem Gebiet sind, auch das jeweils neueste Wissen haben. Der Patient in einem Uniklinikum hat den Vorteil, dass er eine breite Palette von Experten am Krankenbett hat, die aufgefordert sind sich das jeweils neueste Wissen anzueignen, um mittels Forschung an der Weiterentwicklung in ihrem Spezialgebiet beitragen zu können.

Ich würde behaupten, dass Kommunikation in der Zukunft noch wichtiger sein wird, als sie es jetzt schon ist, weil die Ärztin oder der Arzt der Vermittler einer breiten Palette des Wissens ist. Dieses Wissen in einer Form an den Betroffenen zu bringen, so dass der Betroffene auch die Chance hat, damit umzugehen, das ist die große Herausforderung. Die Aufgabenstellung in der Kommunikation der ÄrztInnen ist, das Wissen so zu komprimieren und zu filtern, dass nur diese Teile, an ihn herangetragen werden, die den Menschen tatsächlich betreffen, und ihm dieses so zu vermitteln, dass er tatsächlich damit etwas anfangen kann.
Es ist in der Medizin schon immer ein schwieriger Part gewesen, wenn es um die Mitteilung von Diagnosen oder akuten Situationen geht. Diese müssen in einer Art kommuniziert werden, die für den Menschen eine annehmbare ist und als Hilfestellung gesehen werden kann.

Wir berühren zukünftig aber auch Aspekte in der Medizin, die noch intensiv diskutiert werden müssen. Das sind Bereiche von Wissen, welche wir in der Hand haben werden, von denen wir nicht sicher sein können, ob es klug ist, sie dem jeweiligen Menschen auch mitzuteilen. Ein Beispiel: Wir werden in wenigen Jahren aus dem Blutstropfen eines Babys wahrscheinlich vorhersagen können, welche Krankheiten dieser Mensch in 10, 20 oder gar 50 Jahren haben wird und eventuell auch, an welcher Krankheit dieser Mensch mit höchster Wahrscheinlichkeit versterben wird. Das klingt auf den ersten Blick ganz toll. Wir Menschen wollten schon immer die Zukunft vorhersagen können, aber wenn man sich in die Rolle des Betroffenen hineinversetzt – zu wissen an welchen Krankheiten ich leiden oder sogar versterben werde – das würde das menschliche Leben und das Bewusstsein des Menschen über sein Dasein komplett auf den Kopf stellen.

Wie wir mit dieser Thematik umgehen werden, ist nicht ganz klar. Kar ist aber, dass sich diese Entwicklung und der Wissenszuwachs nicht aufhalten lassen wird. Alles was möglich ist, wird schlussendlich auch beforscht. Das heißt aber nicht, dass alle Ergebnisse tatsächlich auch umgesetzt werden müssen. Dies müssen wir noch intensiv diskutieren und bewerten.

Es ist zu früh zu sagen, dort ist die Grenze. Worauf wir uns vorbereiten müssen ist, dass wir Wissen generieren werden, wo wir auf Basis genetischer Untersuchungen in einigen Jahren konkrete Prognosen über den individuellen Lebensverlauf von Menschen erfahren werden. Zu dem Zeitpunkt werden wir aber noch nicht wissen, ob die Erkrankung, wenn sie eintritt, auch tatsächlich behandelbar sein wird.

Der Punkt ist: Wollen wir als Menschen tatsächlich all das Wissen, das wir hier zur Verfügung bekommen, auch haben? Welche Auswirkungen ergeben sich für die Planung von bestimmten Lebensprozessen, was ist z.B. mit dem Versicherungsschutz? Verbessert dieses Wissen tatsächlich die Lebensqualität?

Bislang gilt der Grundsatz, dass das, was es an Wissen gibt, auch dem Betroffenen vermittelt werden muss – außer er sagt aktiv, er will es nicht wissen. Dieser Punkt und ob das so bleiben soll, wird in der Zukunft intensiv zu bedenken sein.

Es gibt im Betreuungssystem, welches wir haben, Bereiche, wo man heute weiß, dass die Möglichkeit bestünde, finanziell umzuschichten und für die Präzisionsmedizin umzuwidmen. Das geht bis zu einem bestimmten Grad. Die Gesellschaft wird sich aber die Fragen stellen müssen, welchen Teil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) wir für die Gesunderhaltung und das Älterwerden ausgeben wollen. Es geht um die Frage des „möglichst gesund länger Lebens“, nicht nur um das „länger Leben“ alleine. Die Frage wird man in der gesellschaftlichen Diskussion aufwerten müssen.

Wir haben in einzelnen Bereichen ein extrem hohes Niveau und in manchen Bereichen nicht das Niveau, das wir gerne hätten. Dies hängt auch mit den finanziellen Möglichkeiten zusammen. Aber es geht auch um das Bewusstsein, wie wertvoll und wichtig die Forschung für die Gesellschaft insgesamt ist und wenn das Bewusstsein stärker wird – was wir uns alle wünschen – muss man natürlich kritisch überlegen, wo man das Geld dafür hernimmt.

Auf der einen Seite sind es die Menschen in der Grundlagenforschung, die sollte man unbedingt auch mit einbeziehen. Darüberhinausgehend sind es natürlich auch diejenigen, die im Alltag ganz nahe am Patienten sind – wie z.B. die Pflegenden. Hören sie aber auch auf Psychologen, Ethiker und Philosophen. Auf der anderen Seite würde ich auch den Finanzminister einbeziehen, der ihnen aus seiner Sicht erklären wird, warum die Präzisionsmedizin so schwer finanzierbar sein wird.

Univ.-Prof. Dr. Hellmut Samonigg

Der Grazer Krebsspezialist Univ.-Prof. Dr. Hellmut Samonigg übernahm die Leidenschaft für seinen Beruf von seinem Vater, der ebenfalls Arzt war. Er absolvierte das Studium der Medizin. Es folgten weitere Ausbildungen in der Psychotherapie, als Internist und die Spezialisierung auf Hämato-Onkologie in Graz, wo er sich schon frühzeitig für die ganzheitliche Sicht der Medizin interessierte. 1990 hat er sich habilitiert. Sein Karriereweg führte ihn über mehrere Stationen an der MedUni Graz bis er 2015 zum Rektor gewählt wurde. Neben seinen vielen wichtigen Funktionen in der Vergangenheit war er der Sprecher des Comprehensive Cancer Centers (CCC) Graz sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO).
In der Öffentlichkeit ist er als Initiator der Experten-Initiative und Kampagne „Don’t Smoke“ bekannt, die sich erfolgreich für den Nichtraucherschutz engagiert hat.

Diese Seite verwendet Cookies, um die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Durch die Benutzung der Webseite, erteilen Sie ihre Zustimmung. Erfahren Sie mehr über Datenschutz & Cookies.