Gastkommentar

Gastkommentar von Gerald Bachinger

Personalisierte Medizin: Hoffnungsträger, Hoffnungsmacher

Personalisierte Medizin ist eine Vision, die in den vergangenen Jahren große und auch berechtigte Hoffnungen geweckt hat. Die ambitionierten Erwartungen sind dahingehend, dass dadurch Fortschritte in Diagnose und Therapie erreicht werden, die eine neue patientenorientierte Ära in der Medizin einläuten könnten.

Die Tendenz ist offensichtlich, dass es von der reinen Vision bereits in die praktische Umsetzung geht, die in konkreten Anwendungen ihren Ausdruck findet. Ein Beispiel dafür ist die Therapie bösartiger Erkrankungen (bestimmte Krebsformen wie etwa Brust- oder Hautkrebs), bei denen die Entwicklung von einem standardisierten chemotherapeutischen Behandlungskonzept zu einer personalisierten Therapie zu beobachten ist. Dabei werden z. B. auch molekulare Ursachen von Tumorerkrankungen identifiziert, was individuelle, an der Erkrankung des Patienten orientierte Therapie ermöglicht.

Große Erwartungen geweckt

Ein Grund, wenn nicht der Hauptfaktor, warum die personalisierte Medizin, also eine Medizin, die sowohl Diagnose als auch Therapie maßgeschneidert für die Patienten zur Verfügung stellen will, derart große Erwartungen weckt, liegt wohl in der Richtung, die die Medizin in den vergangenen Jahren verstärkt genommen hat: Allgemeine Vorgangsweisen, Standards und medizinische Abläufe, die einen aktuellen Behandlungskorridor vorgeben, sind vermehrt in den Vordergrund gerückt.

Patient als Individuum

Es ist auch zu beobachten, dass die Beschwerden von Patienten immer öfter in die Richtung gehen, dass sie nicht mehr als Individuen, sondern als leicht beschreibbares Kollektiv wahrgenommen werden. Der Patient „von der Stange“, der leicht in Behandlungsschemata gepresst werden kann und damit eine effiziente Betreuung leichter möglich macht, ist wohl eine der gegenwärtigen Wunschvorstellungen von manchen Systemverantwortlichen.

Allerdings zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass manche Medikamente unterschiedliche Wirkungen bei Frauen, Männern, Jugendlichen und Senioren entfalten. Das gilt oft auch für die Tageszeit, zu der die Mittel genommen werden. Umstände also, die dafürsprechen, dass das Thema Individualisierung und Personalisierung weit mehr als bisher in den Mittelpunkt der therapeutischen Entscheidung und Begleitung rücken sollte, insbesondere bei medikamentösen Therapien.

Evidence-based medicine

Die Medizin und die ärztliche Tätigkeit sind vom Grundprinzip her jedoch von jeher der bestmöglichen Diagnose und Therapie des einzelnen Patienten verpflichtet gewesen und haben das auch angestrebt. Vor allem die Evidenzbasierung hat wesentliche Fortschritte in der Medizin gebracht. Freilich sind die Aussichten in den vergangenen Jahrzehnten nicht annähernd so günstig gewesen, wie sie mit dem Konzept und den medizinisch-technischen Möglichkeiten der personalisierten Medizin nunmehr in greifbare Nähe gerückt sind.
Auch aus dem Blickwinkel der Qualität ist die Idee der personalisierten Medizin sehr attraktiv. Man kann hoffen, dass die bestmögliche, ja optimale Qualität, vor allem, was das Ergebnis betrifft, durch die Individualisierung eine besonders hohe Eintrittswahrscheinlichkeit bekommt. Diese bestmögliche, optimal individualisierte Therapie ist nunmehr nicht nur mehr eine vage Möglichkeit, die mit etwas Glück erreicht werden kann, sondern wird mittlerweile doch zu einer recht sicheren Gewissheit.

Quelle: science.apa.at vom 29.4.2016 mit freundlicher Genehmigung des Autors und APA Science.
Foto: © Bachinger, privat

Dr. Gerald Bachinger

Sprecher der ARGE der Patientenanwälte Österreichs

Der Jurist Gerald Bachinger wurde 1999 zum Patienten- und Pflegeanwalt für das Land Niederösterreich bestellt. Außerdem hat er Lehraufträge an der der Medizinischen Universität Wien und Donau-Universität Krems inne. Er fungiert zudem als Sprecher der ARGE der Patientenanwälte Österreichs, als Vorsitzender der NÖ Patienten-Entschädigungskommission und ist ordentliches Mitglied des NÖ Landessanitätsrates, Vorstandsmitglied der Plattform Patientensicherheit, Mitglied des Patientensicherheits-Beirats beim BMfG, stimmberechtigtes Mitglied der Bundesgesundheits-Kommission, Mitglied der NÖ Gesundheitsplattform und der Telegesundheitsdienste-Kommission beim BMfG.

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