Patientengeschichte

Die Patientengeschichte von Siegfried B.

Wenn Sie an die Zeit vor der Diagnose zurückdenken, was hat Sie im Alltag beschäftigt, was war Ihnen wichtig?

27 Spitäler. Ich war verantwortlich für 27 Spitäler im Land Niederösterreich, da durfte ich den Einkauf mit organisieren.

…gibt es irgendetwas, das Sie unbedingt noch machen wollten, wovon Sie geträumt haben?

Ja, ich wollte einen Gewerbeschein lösen und ein Hobby, das ich erfunden habe – mit der Bohrmaschine Chips produzieren – patentieren lassen. Darauf bin ich gekommen, als mich ein Freund zu einem Country-Festival ins Waldviertel eingeladen hat und gemeint hat, er macht jetzt Western-Chips. Im Endeffekt stand ich oft mit meinem Zirbenschnaps und den selbst gemachten Chips bei Veranstaltungen und da wollte ich eben einen Gewerbeschein zusätzlich haben, um es auf offizieller Basis zu machen.

Was waren die ersten Anzeichen Ihrer Erkrankung, welche Symptome hatten Sie?

Die schlimmsten! Ich habe neben der Produktion von Zirbenschnaps und Chips ein leidenschaftliches Hobby: das ist Kartenspielen. Man muss beim Kartenspielen sehr viel mischen und Karten geben und meine rechte Hand wollte nicht mehr. Ich hatte starke Schmerzen im Ulnaris-Nerv, der versorgt Mittel-, Ring- und den kleinen Finger. Ich hatte so fürchterliche Schmerzen, dass ich mich umgewöhnen und alles mit der linken Hand machen musste. Ich bin Rechtshänder und habe mit der linken Hand agiert, weil ich so starke Schmerzen hatte.

Dann, im Herbst 2013, war ich in Donnersbachwald auf der Tarock Akademie. Als ich eines Tages munter wurde, hatte ich keine Stimme mehr. Meine Freunde meinten, dass es von der Höhenluft (wir waren auf 1300m Höhe) ist, aber das war es nicht. Ich bin dann nach dem Urlaub direkt zum Arzt gegangen. Die Geschichte ist auch relativ interessant, weil sie nicht für die Ärzteschaft spricht. Der Arzt ist ins Zimmer gekommen und sagte: „Herr Braun?“ Ich: „Ja.“ Der Arzt fragte: „Können Sie gehen?“ Da ich gehen konnte, folgte ich ihm in sein Büro. Dort angekommen sagte er zu mir: „Nehmen Sie Platz. Ich darf sie informieren, dass die Rettung bereits informiert ist. Sie werden verlegt. Sie haben Lungenkrebs. Auf Wiedersehen.“
Ich bin dann zurück in mein Zimmer gegangen. Im ersten Moment checkt man das ja nicht sofort. Dann bin ich runter, die Rettung war schon da und ich habe zum Sanitäter gesagt: „Warten sie mal, jetzt rauche ich einmal eine.“ Das war eine meiner letzten Zigaretten und dann ging es ab ins Krankenhaus. Dort ist ein drei mal fünf Zentimeter großes Karzinom am rechten Lungenlappen diagnostiziert worden. Das musste entfernt werden. Ich habe dort meinen Arzt und Chirurgen getroffen. Wir haben uns kennengelernt und er hat mich auf ein Gespräch eingeladen und meinte: „Ich habe mir Ihre Krankengeschichte angesehen. Die Operation wird acht Stunden dauern, fünf Blutkonserven sind reserviert und ein Intensivbett für die ersten Tage.“

…hatten Sie eine Vermutung, was die Ursache dafür sein könnte?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte Schmerzen und dachte, es ist ein Nervenleiden. Ich war verwundert über die Diagnose. Der Arzt meinte, dass der Krebs so aggressiv war und in das Nervensystem hineingearbeitet hat. Das war das, was ich im Jahre 2013 als Symptom hatte.

Wie hat Ihre Diagnose Ihr Leben unmittelbar danach verändert…

Ich kann mich noch erinnern, ich habe dann zuhause angerufen, dass ich nicht mehr in dem einen Krankenhaus bin sondern in der Spezialklinik – da war mal Stille in der Leitung. Ich persönlich bin mit dieser Diagnose gut umgegangen. Ich habe meine Freunde drüber informiert, was mir passiert ist, dass ich es mir nicht gewünscht habe und nichts dafürkann. Ich kann wahrscheinlich schon was dafür, weil ich geraucht habe, aber das weiß man auch nicht. Ich bin von dem Arzt auch nicht gefragt worden, wo ich war als Tschernobyl ausgebrochen ist. Wie dem auch sei, ich habe es kommuniziert und das Einzige, was ich gemacht habe, war, dass ich meine drei Töchter informiert habe und sie ersucht habe, dass sie Vorsorgeuntersuchungen machen soll – weil ich der erste in der Familie bin, der Krebs hat und es sein könnte, dass sie es auch bekommen.

…wie haben sich Ihre Prioritäten verändert?

Meine Prioritäten haben sich nicht verändert mit der einzigen Ausnahme, dass ich nicht mehr arbeiten gehe und meinen Lebensabend genieße. Die Immuntherapie schlägt bei mir sehr gut an.
Ich genieße jeden Tag. Ich freue mich um 4 Uhr in der Früh, wenn die Vögel zwitschern. Das mag für Sie etwas komisch klingen, aber es ist so – man gewinnt andere Prioritäten.

…wie hat Ihr Umfeld (Familie, Freunde) darauf reagiert?

Also ich weiß nicht, wie meine Gattin mit meinen drei Töchtern kommuniziert hat. Ich weiß nur, dass sie sehr oft im Klinikum waren und mich besuchten.
Es ist einfach passiert. Wenn ich mit dem Motorrad aggressiv fahren würde, kann ich damit rechnen, dass mir etwas passiert. Aber es kann auch passieren, dass mich jemand von hinten niederfährt. Das heißt: Ich persönlich habe es nicht gewollt, aber es ist eingetreten.

Wie haben Sie den Weg bis zur aktuellen Therapie erlebt…
…wie haben Sie die Zeit bis zur ersten Therapie empfunden?

Ich habe mit meinen Ärzten im Krankenhaus besprochen, dass ich eine Chemotherapie bekomme und 28 Bestrahlungen. Das ist relativ heftig. Man kriegt eine Gipsschale, die wird eigens für den jeweiligen Patienten angepasst. Nach diesen 28 Behandlungen ging es mir relativ gut, weil man prinzipiell keine Schmerzen hat – es dauert immer nur Sekunden.
Dann wurde entschieden, dass ich sechs Chemo-Sitzungen zu machen habe. Davon habe ich nur vier gemacht, weil die Venensäule kaputt geworden ist. Nach der ersten Runde dachte ich mir, dass ich überhaupt nichts gespürt habe. Mir ging es danach recht gut. Wenn man sich meine Haare anschaut, für einen 64-jährigen ist das nicht wenig.

Sie bekommen jetzt eine Therapie, auf die Sie sehr gut ansprechen…
…woran merken Sie, dass Ihre Therapie wirkt?

Ich merke das, weil ich so bin, wie ich vorher war. Ich habe prinzipiell keine Schmerzen. Mir wurde zwar der rechte Lungenlappen entfernt, trotzdem habe ich ein Luftvolumen von 80 Prozent.

…beeinflusst die Therapie Ihren Alltag?

Nein, überhaupt nicht. Ich bekomme einmal im Monat diese Immuntherapie – jeden letzten Donnerstag im Monat, das dauert eine Stunde. Das ist ein kleines Sackerl, der Inhalt wird elektrisch hineingepumpt. Das ist es.

…haben Sie sonst noch Rituale?

Aber klar, ich gehe mit meiner jüngsten Tochter ins Museum. Sie ist die Nachzüglerin, 25 Jahre alt. Die anderen beiden sind 40 und 38, haben einen Garten und Kinder. Die leben in ihrer eigenen Welt. Die Jüngste hat sich bei ihren Geschwistern abgeschaut, wie das Leben so funktioniert und hat eine sehr weise Entscheidung getroffen und ist alleine. Sie lebt das Leben und geht mit dem Papa ins Museum.

…ein Morgen- oder Abendritual?

Ja, manchmal stehe ich um 9 Uhr in der Früh auf und habe ein schlechtes Gewissen, dass es schon 9 ist und ich erst jetzt aufstehe. Dann denke ich mir, wem gegenüber sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?

Erleben Sie Ihre aktuelle Therapie als „personalisierte Medizin – als Medizin für mich“?

Nein, als das würde ich es nicht ansehen. Es ist ja eine Weiterentwicklung. Diese Immuntherapie resultiert ja aus dem Fortschritt und Weiterentwicklung mit dem Hautkrebs. Ich bin offensichtlich ein Patient, bei dem es sehr gut anschlägt. Wenn ich bei meiner Therapie durchs Krankenhausgelände gehe, gibt es sowas normalerweise nicht. Ich sehe dort sehr viel Leid, unter anderem auch durch Lungenkrebs.

…was würden Sie diesen Menschen sagen, die sie im Spital leiden sehen?

Es steht mir prinzipiell nicht zu diesen Leuten etwas zu sagen. Ich habe das Glück gehabt, dass ich relativ gut verdient habe und ich habe mir leisten können, was ich wollte. Wenn man diese Leute dort sieht, dann sind sie u.a. auch aus ärmsten Verhältnissen. Ich weiß nicht, ob sie diese Einstellung, die Voraussetzungen mitbringen. Ich habe das Glück, dass ich drei gesunde Kinder habe, meine Familie funktioniert und meine zwei Katzen mich lieben. Ich bin eigentlich mit meinem Lebenswerk zufrieden.

…Sie wirken auf mich sehr positiv. Denken Sie, dass das auch dazu beiträgt, dass die Therapie so gut anschlägt?

Ich glaube schon, dass das Umgehen und vor allem das Kommunizieren mit der Krankheit riesige Faktoren sind. Ich habe es auf den Rehas, wo ich war und im Krankenhaus beobachtet. Die Leute sind verschlossen, schauen nicht mehr in die Umwelt, sehen wahrscheinlich nicht, dass die Bäume draußen langsam grün werden. Das heißt: sie sind so stark mit sich selbst beschäftigt und ich lebe jetzt das Leben, das mir noch verbleibt.
Ich wurde im Dezember gefragt, ob ich bereit bin eine Präsidentschaft zu übernehmen, hier in Wien – dem habe ich zugesagt. Ich bin für das Bundesland Wien ein Vorsitzender einer Organisation, die es in ganz Österreich gibt – für die Königsklasse Tarock. Die wussten, dass ich diesen Lungenkrebs habe und haben mich trotzdem gefragt, ob ich die Position übernehmen möchte. Das hat mich sehr gefreut. Vielleicht kam das auch aufgrund meiner lockeren Art.

…denken Sie täglich an Ihre Krankheit?

Nein. Es gibt schon hie und da Gedanken aber im Grunde genommen schaue ich nicht aus wie ein Lungenkrebspatient.

…wenn Sie morgen zu ihrer Immuntherapie fahren, begleitet Sie jemand?

Nein. Ich sage Ihnen gerne meinen Tagesablauf: Ich stehe ganz entspannt um 7 Uhr auf – das ist einer der wenigen Tage, an denen ich mir den Wecker stelle. Ich frühstücke zuhause, dann fahre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Krankenhaus. Dort angekommen, melde ich mich an. Dann geht die Information, das Präparat für mich herzurichten, an die Apotheke. Dann entspanne ich mich mit Lesen, weil ich auf meine Medikamente warten muss. Um 12 Uhr bekomme ich die Infusion, eine Stunde dauert die Infusion der Immuntherapie und dann kommt noch eine zweite, die Spülung. Das tut beides nicht weh, da ich einen Portkatheter habe. Das ist eine Kammer aus Kunststoff, in die wird hineingestochen. Diese Kammer wurde operativ eingesetzt und man spürt nichts.
Nach der Therapie gehe ich ins Kaffeehaus des Krankenhauses und trinke einen kleinen Schwarzen – die kennen mich dort schon. Dann fahre ich den gleichen Weg wieder zurück und halte einen kleinen Mittagsschlaf. Am Abend um 18 Uhr gehe ich ins Café Heine tarockieren als wäre nichts gewesen, es war ja auch nichts. Ich meine, ich habe keine Schmerzen. Ich habe eine kleine Menge Chemie wieder in mir, aber keine anderen Nebenwirkungen.

Wenn Sie Ihr heutiges Leben mit der Zeit vor Ihrer Diagnose vergleichen…
…würden Sie sagen, dass Sie die Welt mit anderen Augen sehen?

Also ich sehe nicht unbedingt die Welt mit anderen Augen, aber ich denke mir nur, was manche Leute für Probleme haben, die keine Probleme sind. Als ich zum Interview gefahren bin, habe ich die Leute in der Straßenbahn und auf der Straße beobachtet, die unter anderem gehetzt zur Arbeit fahren. Wenn man sieht, wie eine Mutter ihre zwei Kinder am Schoß hat und sie gerade in die Schule bringt, danach kommt sie gestresst in den Job, wo sie womöglich unter Druck steht – es gibt eigentlich noch was ganz anderes als nur Stress und Job und Druck und Power.

…haben Sie ein großes Ziel?

Außer, dass es mir gut geht, die Kinder versorgt sind und die Gattin abgesichert ist, eigentlich nicht.

Sie haben im Zuge Ihrer Erkrankung sicher viele negative, vermutlich aber auch manche positive Erlebnisse gehabt…

Viele reden auf der Reha nur über die Krankheit, aber das sind die negativen Leute. Das ist halt so. Das Wichtigste ist es alles Negative abzuschalten.

…können Sie das? Alles Negative ausblenden?

Ja, das habe ich lernen müssen. Es ist eigentlich mit der Zeit gekommen. Ich bin in ärmsten Familienverhältnissen aufgewachsen, aber das habe ich nicht registriert als Kind. Wir waren vier Kinder zuhause, der Vater war Schwerkriegsinvalide und hat nur 20 Stunden als „D-Beamter“ gearbeitet. Das heißt, wir hatten sehr wenig Geld. Wenn wir eine Leberkäs-Semmel bekommen haben, war das ein Höhepunkt.

Haben Sie einen Tipp, wie man diese Negativität ausblendet?

Ich weiß selber nicht, wie es bei mir gekommen ist. Es ist gewachsen. Ich meine, ich dürfte auch nicht mit verschränkten Armen vor Ihnen sitzen. Das würde bedeuten, dass ich fürchterliche Angst habe, aber im Grunde genommen ist es für mich eine Entspannungshaltung. Ich habe nicht viel über meine Krankheit recherchiert. Ich wurde von den Ärzten gefragt, ob ich geraucht habe, aber wie Anfangs erwähnt, wurde ich nicht gefragt, wie und wo ich die Zeit um Tschernobyl verbracht habe. Ich finde wir wissen alle nicht, was wir einatmen, irgendwo muss das alles ja hin, was da so ausgestoßen wird und ob das jetzt förderlich ist für einen Lungenkrebs? Ich weiß es nicht.

Haben Sie auch mal einen schlechten Moment?

Ja, aber der bezieht sich nicht auf die Krankheit, sondern auf die Jugend. Ich habe unter anderem das Ziel das Tarock-Spiel zu forcieren. Ich bin bemüht, dass junge Leute nicht nur mit Handy oder dem Tablet dasitzen, sondern miteinander kommunizieren, dass man zu viert an einem Tisch sitzt. Das ist bei Tarock möglich. Vergangenes Jahr zu Silvester wollte ich mit meiner Familie, mit meinen Enkelkindern, die zwischen 12 und 18 sind, ein Fondue-Silvester machen und das Kartenspiel „Hosen runter“ spielen – das ist ein lustiges Kartenspiel, das jeder relativ schnell begreift. Geben sie heute einem 12-jährigen 32 Karten in die Hand zum Mischen. Sie waren überall am Boden, aber nicht in seiner Hand. Die Jugend kann heute nicht mehr Karten mischen. Da habe ich mich geärgert und da war für mich Silvester gelaufen.

Würden Sie sagen Sie leben mit Ihrer Krankheit oder sie kämpfen gegen Sie?

Nein, wieso kämpfen? Ich kämpfe nicht gegen meine Krankheit. Im Grunde genommen ist es so, ich hatte das Karzinom mit drei mal fünf Zentimeter im rechten Lungenlappen und das wurden entfernt. Das wurde zwischenzeitlich in die USA geschickt, damit es weiter untersucht wird. Im Zuge dieser Immuntherapie stellt sich die Frage, ob man noch mehr verbessern kann, obwohl es schon optimal ist. Das Präparat der Immuntherapie schlägt bei mir sehr gut an.

Wenn jemand auf der Straße Sie fragen würde wie es Ihnen geht, was würden Sie antworten?

Mir geht es ausgezeichnet.

Danke für das Gespräch.

Siegfried B.

Siegfried B. ist rund 64 Jahre alt, lebt in Wien und erkrankte an Lungenkrebs. Nach seiner Pensionierung erhielt er 2013 die Diagnose.
Seitdem fallen ihm die vielen grantigen Gesichter auf, mit denen Menschen morgens zur Arbeit gehen – dabei hält das Leben aus seiner heutigen Erfahrung weitaus Schlimmeres bereit als einen Job, der vielleicht zwischendurch an den Nerven sägt.
Seit einem Jahr erhält Siegfried B. eine Krebsimmuntherapie und sagt heute von sich selbst, dass er sich wie das „blühende Leben“ fühlt. Siegfried ist dankbar für diese Therapie und bezeichnet seine Ärzte gerne als seine Lebensretter.

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