Patientengeschichte

Die Patientengeschichte von Martina K.

Wenn Sie an die Zeit vor Ihrer ersten Diagnose zurückdenken …

Ich stand mitten im Aufbau meiner Karriere. Ich war im Finanz- & Controllingbereich tätig und habe gerade ein Team von sechs Personen aufgebaut und geführt. Ich stand zu der Zeit zwischen Job und Familie.

Was waren die ersten Anzeichen Ihrer Erkrankung?

Witzigerweise war es an einem Stressseminar-Wochenende, das war im Mai 2003. Es war sehr berührend, dass sich alle meine Mitarbeiter Zeit genommen haben – obwohl mein Vorgesetzter sehr dagegen war – und wir sind dort bis um 4 Uhr in der Früh abgehangen – was man sonst so nie macht. Es war sehr erfolgreich und hat uns als Team zusammengebracht.
Ich stand in dem Hotel, wo wir das Seminar hatten unter der Dusche und dachte mir: „Schmarren, das gehört da nicht hin.“ Ich bin dann zu meinem Gynäkologen gegangen, der meinte, das seien Milchdrüsen, die kann man sich rausnehmen lassen. Es war dem aber nicht so und ich bin zum Röntgenologen gegangen und der sagte zu mir: „Junge Frau – machen sie bald was.“ Zu dem Zeitpunkt war ich 33 Jahre alt.

Ok, das klingt nicht gut, dachte ich mir und bin dann ins SMZ Ost gegangen. Die waren sich dort nicht sicher und meinten, dass wir am besten eine Biopsie machen sollten und ich in einer Woche wiederkommen soll.
Ich kannte mich nicht aus, stand alleine da und es klang alles nicht sehr beruhigend. Ich hab mit Freunden und Verwandten telefoniert und eine Cousine sagte zu mir: „ Geh nicht zum Schmiedl, geh zum Schmied und ruf den Spezialisten am besten zum Leiter der klinischen Chirurgie im Krankenhaus.
Ich saß da bei Professor, er schaute sich die Röntgenbilder an und sagte: „Das ist bösartig und: es ist ihre Chance.“ Meine Mutter, die mit war, ist in Tränen ausgebrochen, ich aber gar nicht.
Interessanterweise haben mein Mann und ich zu Ostern, vor besagtem Mai 2003, eine kleine Rundfahrt durch Kroatien gemacht – einfach der Sonne entgegen. Ich hatte ein Buch mit, wie man seine Gedanken transformiert und den Alltag lebensfroher gestaltet. Im Nachhinein sage ich, ich habe mich scheinbar unterbewusst schon auf eine Krisenzeit vorbereitet.

Wie hat Ihre Diagnose Ihr Leben unmittelbar danach verändert …
… wie sind Sie im Alltag damit umgegangen?

Damals habe ich das nicht so gesehen. Ich fragte mich: „Ok, was ist das jetzt? Was ist zu tun? Bin ich auf dem richtigen Weg?“ Eigentlich hat mich diese Herausforderung zum Reisen gebracht. Ohne der Diagnose wäre ich in dem Hamsterrad weiter gelaufen.
Die reine Schulmedizin war mir zu wenig, ich habe mich dann auch mit alternativen Methoden beschäftigt und habe viel Reiki gemacht, Körperarbeit, ergänzend alles was der Heilungsmarkt so anbietet. Ich kam bis zum Schamanismus nach Kuba und wie die Einheimischen dort mit Krankheiten umgehen. Es war ein Abenteurer. Ein Abenteuer, das mir in meinem Alltag damals sehr gefehlt hat.
Der Knoten war das einzige, was ich gespürt habe, er war damals 3,5 cm groß. Mein Arzt meinte, dass er parallel mit der Schwangerschaft – mein Sohn ist 2001 geboren – gewachsen ist. Ich habe damals beruflich ein riesiges Projekt neben dem Tagesgeschäft abgewickelt. Es war sehr turbulent, aber es war ein Zeitpunkt, an dem ich nicht loslassen konnte, die Arbeit hat enorm viel Kraft gekostet.

… wie sehr haben sich Ihre Prioritäten verändert?
… wie hat Ihr Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Arbeitgeber)
darauf reagiert?

Mein Bruder sagte zum mir: „Jetzt kann man endlich wieder mit dir reden, vorher war das nicht möglich.“ Meine Tochter, die damals acht Jahre alt war, sagte: „Mama, so wie du heute bist, bist du viel lieber.“
Ich bin gelassener geworden.
Man zwingt dem Kind ja auch auf, zu funktionieren. Wenn mein Sohn nicht in den Kindergarten gehen wollte, ging das gar nicht. Ich habe ihn dorthin gezerrt, ich musste funktionieren und er auch. Das kann ich von der Generation, die heute in die Arbeitswelt eintritt, lernen. Die sind nicht so gestrickt, wie wir, z.B. nicht nein sagen dürfen. Mit der Krankheit habe ich mir Mediation in mein Leben geholt.
In dem Moment, in dem man die Diagnose bekommt, bekommt man das alles nicht so mit. Man ist mit der Situation so beschäftigt. Erst nach Jahren hat mir mein Mann erzählt, wie es ihm bei der Diagnose ergangen ist. Er hat mich im Haushalt unterstützt und hat das Kochen übernommen, das war sehr hilfreich. Aber man fährt immer so einen gegenseitigen „Schonwaschgang“.
Ich habe Gott sei Dank Freundinnen, denen kann ich den ganzen Müll, der mich belastet auch entgegen schleudern. Bei meinem Mann geht das nicht immer, er kann damit nicht umgehen. Es ist gut, wenn man jemanden hat, bei dem man abladen kann. Man wird aufgefangen und ernst genommen.
Der Freundeskreis ist geschrumpft, lose Freundschaften sind weggebrochen, aber diejenigen, die schon tief waren, haben sich durch die Diagnose vertieft.

Sie galten als geheilt und haben die Diagnose ein zweites Mal bekommen, …
… was waren Ihre ersten Gedanken?

Ich dachte mir: „Oh mein Gott, nicht schon wieder“, dann natürlich: Tränen. Ich musste meinem Mann das erste Mal sagen: „Du ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe.“ Man tritt dann aus sich heraus in eine Helikopter-Perspektive. Irgendwann akzeptiert man das, es geht ja eh nicht anders.

… was hat sich hier noch mal für Sie geändert?

Ich war wieder im Büro-Alltagsstress, wollte nach 10 Jahren nicht mehr alles kontrollieren und war aber noch in den ärztlichen Kontrollzyklen drinnen. Ich habe mir immer gesagt, wenn das wiederkommt, dann schmeiß ich alles hin.
Als ich im Jänner 2016 mit der Therapie begonnen habe, habe ich es anders als beim ersten Mal gemacht. 2003 ging ich zwei Tage ins Krankenhaus „sterben“ und dann habe ich wieder gelebt. Diesmal habe ich mich gefragt: „Was macht dich heil – welchen Weg schlägst du jetzt ein?“ Ich habe alle Verbindungen, die mit der Arbeit und mit dem Irrsinn dort zu tun hatten, gekappt.

… wer oder was hat Ihnen geholfen diese Zeit zu überstehen?

Ich hatte zehn Metastasen im Kopf und musste eine akute Strahlentherapie machen – das wünsche ich niemandem! Ich hatte so starke Schmerzen und dachte nicht, dass ich eine Woche durchhalten kann. Ich habe mich von Tag zu Tag gekämpft und habe eine Woche neben der Toilette übernachtet, weil die Nebeneffekte so schmerzhaft waren. Ich war froh, dass meine Familie zu dem Zeitpunkt Skifahren war. In dieser Zeit habe ich das Alleinsein gebraucht.
Man magert ab und so kommt die Angst, ob dich das jetzt von Innen auffrisst. Man beschäftigt sich damit, wie kann man die Krankheit stoppen, ich habe eine ambulante Chemotherapie versucht. Es ist ein bisschen ein Experimentieren – was vertragt man, worauf spricht man an.
Ich habe für mich beschlossen: Der Onkologe kümmert sich um die entarteten Zellen und ich mich darum, heil zu werden.
Ich habe mich damit beschäftig herauszufinden, was mir guttut und was mich heil macht.
Ich bin dafür in meine Kindheit zurückgegangen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt verlernt, was mich glücklich macht und mir Freude bringt. Ich habe gerne gesungen und getanzt. Und letztes Jahr habe ich meinem Mann zum Geburtstag ein Tanz-Abo geschenkt und wir gehen zwei Mal in der Woche tanzen, was für mich sehr bereichernd ist.

Sie bekommen jetzt eine Therapie, auf die Sie sehr gut ansprechen…

Ich bin ins Spital gegangen, weil ich keine Luft bekommen habe. Die Lunge war mit Wasser gefüllt, das haben sie abgepumpt. Die erste Zeit musste ich mich zwingen, mich zu bewegen und irgendwann bekommt man wieder ein Gefühl, man fängt wieder an zu leben, man bekommt Kraft. Ich bin auch auf Reha gefahren, das hat mir gutgetan.
Meine Feinmotorik ist anders. Es gibt ein Taubheitsgefühl an den Fingerkuppen.
Es gibt druckempfindliche Stellen an den Zehen, da muss ich beim Tanzen aufpassen, dass mir niemand drauf steigt. Aber so lange die Haut in Ordnung ist, passt es laut Onkologen.
Das Blutbild ist sehr gut, alle drei Wochen gibt es Werte.
Die Schulmedizin ist gut, aber wenn man sich als Patient nicht selbst bildet und informiert, erfährt man viele wichtige Dinge nicht. Ein Medikament, das ich bekomme, schwämmt das Vitamin B aus meinem Körper. Bei einem anderen muss ich Vitamin D dazu nehmen, das sagt einem keiner, das muss man sich selbst erarbeiten.
Ich habe gelernt, was mein Körper aufgrund der Therapie braucht. Das Wichtigste für mich zum Wohlfühlen – da bin ich jetzt selbst draufgekommen – ist das Vitamin D.
Wenn die Sonne scheint, bin ich die erste, die draußen ist. Mir ist es wichtig, selber in Bewegung zu bleiben.

Erleben Sie Ihre aktuelle Therapie als „personalisierte Medizin – als Medizin für mich“?
… woran erkennen Sie die Personalisierung?
… welche Aspekte sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Ich habe mein Labor, dort kennt mich die Schwester schon und hat mein Medikament parat – das ist persönlich. Ich lasse mir die Blutwerte am Tag vor der Untersuchung per Mail zuschicken und kann mich schon damit beschäftigen. Im Krankenhaus gibt es oft lange Wartezeiten, dann wird manchmal das falsche Medikament geliefert, es ist oft ein Durchschleusen und auch für die Schwestern ist es sehr anstrengend. Im AKH sehe ich oft entstellte Menschen und das ist sehr traurig. Das möchte ich nicht.
„Ich möchte ein normales Leben leben, so wie alle anderen auch. Ich möchte nicht, dass man mir ansieht, dass ich krank bin.“
Das wichtigste Merkmal bei der personalisierten Medizin ist, dass es gezielt und target-orientiert die Zellen zerstört. Früher war die Chemotherapie ja, wie mit Kanonen auf Spatzen schießen, da ist die personalisierte Medizin schon besser.

… welche Aspekte fehlen Ihnen (noch)?

Psychoonkologe und allgemeine psychologische Unterstützung fehlt mir, das habe ich dann aber auch eingefordert. Ich war bei einem Psychoonkologen, aber dieser ist vor allem für den Palliativ-Bereich zuständig. Da dachte ich mir: „Soweit ist es bei mir aber noch nicht.“
Das Einzige was hilft – wenn eine Freundin metastasiert oder verstorben ist – ist, in den Augenblick zurückzukommen. Die Zukunft ist reine Spekulation, deshalb konzentriere ich mich auf das, was ich jetzt habe. So rette ich mich, wenn ich in die Trauer komme.

Wenn Sie Ihr heutiges Leben mit der Zeit vor Ihrer Diagnose vergleichen …
… wie hat sich Ihr Alltag verändert?
… was ist Ihnen jetzt wichtig, wie haben sich Ihre Prioritäten verschoben?

Ich habe den Luxus Zeit zu haben. Ich habe begonnen zu recherchieren. Auf YouTube gibt es Erfolgsstories, die höre ich mir an. Es ist interessant, den Weg der Heilung von anderen mitzuverfolgen. Jeder muss für sich selbst schauen, was ihm Kraft gibt, was ihm hilft.
Ich bin auch aus dem Hamsterrad voll raus. Im Nachhinein finde ich es fast schade, dass es solche Denkzettel braucht, um ein Stück mehr Gelassenheit zu bekommen, um sich nicht stressen zu lassen, um nicht alles erfüllen zu müssen.
Was mir wirklich am Herzen liegt, gebe ich dem Gegenüber auch zurück und sage, was ich mir denke. Mir hat der Satz geholfen: „Mach’ einmal was anders.“
„Lebe dein Leben“, sag ich mir, ich kann mir jetzt alles leisten. Ich habe ja nichts zu verlieren. Und lustigerweise gewinnt man dadurch auch sehr viel.
Ich habe viele Rituale: Morgen- und Abendrituale. In der Früh ziehe ich eine Karte und sage mir den Spruch laut auf und am Abend sage ich mir, wofür ich an dem Tag dankbar bin.
Der Liebe Gott hat uns sicher nicht auf die Welt geschickt um zu Arbeiten – man muss Momente genießen. Ich war in Mariazell, Indien, Kuba – jede Religion, jedes Ritual verbindet. Wir haben es aus den Augen verloren, weil jeder seinen eigenen Weg geht. Durch die Verbindung entsteht eine magische Energie, die sehr heilsam sein kann. Ich bin der Krankheit auch ein bisschen dankbar. Ich wäre diesen Weg sonst nicht gegangen.

… wie haben sich Ihre Ziele und Ihre Träume verändert?

Mein Mann und ich haben 1993 geheiratet, nur standesamtlich und ich träume von einer großen Zeremonie zum 25-jährigen Jubiläum. Eine Zeremonie auf Hawaii oder eine Traumhochzeit in weiß – ich weiß es noch nicht so genau. Reisen, Reisen, Reisen – es zieht mich nach Bali, Singapur, aber es gibt auch in Österreich schöne Flecken.
Mein Ziel ist es, das was ich erfahren habe, nach außen zu tragen, weiterzugeben, mich nicht mehr zu verstecken. Ich will es über den Verein „Europa Donna“ machen, da bin ich bald in Mailand, in Berlin und will den Mut weitergeben, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn man so eine Diagnose bekommt.
Ich brauche das Gefühl, dass es weitergeht. Auch kleine Schritte sind wichtig.
Die meisten Krebskranken bekämpfen den Tod, aber wenn ich nicht ja sage zum Tod, der irgendwann im mein Leben tritt, kann ich auch das Leben nicht genießen. So absurd das klingt, aber so ist es.

Sie haben im Zuge Ihrer Erkrankung sicher viele negative, vermutlich aber auch manche positive Erlebnisse gehabt…

Habe ich Angst vor dem Tod? Ich bin zwei Mal in Ohnmacht gefallen. Ich habe so einen Frieden in dieser Situation gespürt. Schlimm ist es für die, die zurückbleiben.
Meine Kinder haben sich nicht getraut mich zu fragen, wie es mir geht. Das habe ich über meinen Mann erfahren. Ich habe dann alle zusammengetrommelt und meine Geschichte erzählt, erzählt wie es mir geht. Ich fragte sie dann, ob noch was offen ist? Ob sie noch etwas wissen wollen. Und sie sagten: „Nein, aber danke, dass du es uns erzählt hast.“
Natürlich war mein Sohn oft geschockt, als ich abgemagert, nur noch Haut und Knochen, aus dem Krankenhaus gekommen bin. Es tut mir leid für ihn, dass er das sehen und erleben muss. Ich kann ihm nichts versprechen, aber ich habe ihm gesagt, dass ich mein Bestes tun werde, damit ich ihn auch aufwachsen sehe, ja, vielleicht ihn auch heiraten sehe. Da möchte ich dabei sein.
Das Wichtigste ist die Wahrheit wertschätzend zu sagen. Ich bin der Krankheit auch ein Stück dankbar, für die intensive Beschäftigung mit mir selbst, was mich ausmacht, was ich weitergeben möchte.
Ich hatte Bedenken, dass nichts bleibt von mir, aber darüber kann ich heute schon fast lachen. Jedes Gespräch ist etwas Bereicherndes. Es kommt nicht immer sofort, oft auch erst ein halbes Jahr später, dass mir die Leute sagen, dass sie dankbar sind, dass ich ihnen damals das oder jenes gesagt habe, das arbeitet weiter in ihnen. Ich habe auch keine Erwartungen mehr – es kommt wie es kommt.
Ich darf auch einstecken. Ich hatte das große Glück während der Ausbildung zur Lebensberaterin drei Frauen gefunden zu haben. Wir sind so ein Vierer-Kleeblatt und treffen uns jeden Monat. Mittlerweile sind auch unsere Partner dabei und ich bin sehr dankbar für diese Begegnungen, ja seit mittlerweile zehn Jahren. Es ist interessant zu sehen, was die Krankheit in Paarbeziehungen tut. Die anderen geben auch Rückmeldungen, da passieren die skurrilsten Dinge.

Zum Abschluss hätte ich eine einfache und offene Frage: Wie geht es Ihnen?

Heute geht es mir gut. Es gibt Tage, an denen ich weniger Kraft habe. Aber da erinnere ich mich zurück, wie es mir vor einem Jahr gegangen ist und dann bin ich wieder in der Dankbarkeit und schicke ein Danke an meine Füße, dass sie mich durchs Leben tragen. Dann schnapp ich mir meinen Hund und geh meine Runde und dann spürt sich die Sache wieder anders an.
Ich habe nicht die größten Erwartungen, aber vielleicht geht es gut aus.
Ich habe heute schon tolle Gespräche gehabt am Telefon und ich fühle mich gesegnet von den Leuten, die mir dann gleich was zurückgeben. Ich fühle mich bereichert – dazu brauche ich keine Kohle, ich habe Menschen und Begegnungen!

Sie wirken so positiv, haben sie auch schlechte Momente?

Natürlich! Heute sagte mein Mann zu mir „Du tust immer so, du bist immer die Starke, aber so ist es nicht.“ Es war heute schon sehr turbulent. Es sind auch Tränen geflossen. Da dachte ich schon „Na servus, ich soll heute ein Interview geben. Ich weiß nicht, ob das mein Tag ist.“ Aber ich habe mich mit Musik beruhigt und bin mit meinem Hund eine Runde spazieren gegangen. Und ja, dann bin ich wieder bei mir angekommen und war bereit.
Natürlich gibt es die Phasen, wo mich alles anzipft, dann stell ich mir die Fragen: Wozu bist du da? Was möchtest du noch tun? Wo zieht es dich hin?

Wie erleben Sie Ihre Beziehung zu ihrem Onkologen?

Onkologen sind Onkologen, sie sind gute Mediziner und sehr gute Strategen aber keine Empathen. Das ist auch ok so. Aber es gibt Themen, die ich mit ihnen nicht besprechen, klären kann.
Meine Libido ist eingeschlafen. Natürlich könnte man sagen, dass ich froh sein soll, dass ich noch lebe und das ist nicht so wichtig. Aber die Sexualität gibt auch viel Energie und Kraft, darauf will ich nicht verzichten.
Ich wurde mit 33 in den Wechsel katapultiert und jetzt muss ich lernen, wie ich Sexualität wieder erleben kann. Der Körper verändert sich. Oft kommt er mir so vor, wie eine Kerze, die kurz vorm Auslöschen ist, aber ich möchte das lodernde Feuer haben und spüren.
Mein Mann und ich haben auch eine Paartherapie gemacht, da es für mich nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder wir schaffen das gemeinsam oder wir trennen uns jetzt. Ich will nichts dazwischen. Wir lernen jetzt, Nähe zu schaffen und zuzulassen. Man darf sich auch nicht aus den Augen verlieren und Fixpunkte, wie das Tanzen, helfen dabei, wieder Nähe zu spüren.

Was ist ihr Lieblingstanz?

Gestern war es der langsame Walzer, aber dann gibt es Tage, wo mir Salsa sehr gefällt – da muss man sich in die Augen sehen und da ist die Nähe mit dem Partner da.
Ich beschäftige mich natürlich auch mit meinem Körper. Vor der Diagnose hatte ich 30 kg mehr mit mir herumzuschleppen. Ich genieße es jetzt. Heute beschäftige ich mich damit, wie ich mich in meinem Körper fühlen will und frage ihn auch „was magst denn essen?“
Früher dachte ich immer, dass die Leute, die auf tierische Produkte verzichten, Spinner sind. Seit zwei Wochen bin ich auch so ein Spinner. Es ist unglaublich, wie gut das meinem Körper tut – wie diese vielen Puzzelsteine zusammen wirken. Es fühlt sich vital an.

Wie lange dauert es, zu sich selbst zu kommen, oder ist die Reise noch gar nicht fertig?
Ich glaub die Reise zu sich selbst hat bei mir 2003 begonnen und die hört nie auf. Man lernt immer neue Facetten kennen. Das Wesentliche ist, die Vergangenheit in Frieden zu verabschieden. Früher war ich wie ein Rumpelstilzchen und habe meine Wutausbrüche gehabt. Heute überlege ich, ob es Sinn macht sich überhaupt aufzuregen.
Traut euch euer Leben zu leben, unabhängig davon was die anderen denken.

Danke für das Gespräch!

Martina K.

Martina K. ist 45 Jahre alt und leidet an metastasierendem Brustkrebs – bereits zum zweiten Mal – denn sie hat die Krankheit vor 13 Jahren schon einmal besiegt.
Zum damaligen Diagnosezeitpunkt war ihr Kind erst wenige Monate alt. Nach der Therapie galt sie aber als geheilt.
Vor etwa einem Jahr traten dann unerklärliche, wiederkehrende Infekte auf (Bronchitis), extreme Kopfschmerzen und anderes. Martina K. meinte, an einem Burn-out zu leiden. Letztlich wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, wo man feststellte, dass sich Metastasen in ihrem ganzen Körper ausgebreitet hatten.
Sie erhält seitdem Medikamente, die gut wirken, zudem wendet sie auch alternative Heilmethoden an.
Heute geht es ihr gut und sie blüht trotz der schweren Erkrankung wieder auf.

Nachruf

In tiefer Betroffenheit geben wir bekannt, dass Martina K. den Kampf gegen ihre schwere Krankheit verloren hat. Wir haben sie als bereichernde, interessante und besonnene Gesprächspartnerin kennengelernt, deren persönliche Geschichte eine Inspiration für viele war. Unser Mitgefühl gilt nun ihrer Familie und ihren Freunden.

Liebe Frau K., liebe Martina, wir werden Ihre Beherztheit, Ihre Stärke und Ihre positive Art in Erinnerung behalten. Danke, dass Sie Ihre Gedanken mit uns geteilt und damit so vielen Frauen, die ähnliches erleben, Mut gemacht und eine Stimme gegeben haben.

Frau K.s berührende Geschichte wird gemäß ihrem Wunsch weiterhin ein Teil dieser Interview-Serie bleiben. Wir sind dankbar, dass wir sie kennenlernen durften.

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